Bei den Worten Radierung und Ätzen denkt man schnell an Säurebäder, Dämpfe und ein gut belüftetes Atelier. Und tatsächlich kommt bei der klassischen Radiertechnik Säure zum Einsatz.
Aber es geht auch ganz ohne aggressive Chemikalien. Wunderschöne, handgemachte Drucke lassen sich problemlos zu Hause herstellen. In diesem Beitrag stellen wir dir drei besonders interessante Drucktechniken vor, die mit einfachen Materialien auskommen. Außerdem zeigen wir dir, was du für den Einstieg brauchst und wie die einzelnen Verfahren funktionieren.
Wir zeigen dir:
Bevor ein Druck entstehen kann, muss zunächst ein Motiv auf die Druckplatte gebracht werden. Dafür gibt es grundsätzlich zwei Möglichkeiten:
Für zu Hause sind vor allem die mechanischen Verfahren und die sogenannten „Küchentechniken“ interessant. Dafür brauchst du weder ein Säurebad noch eine Absauganlage oder spezielle Schutzausrüstung. Im Grunde reichen eine Druckplatte, ein geeignetes Werkzeug und Druckfarbe.
Wir schauen uns drei besonders zugängliche Techniken an: die Kaltnadelradierung, den Tetrapak-Druck und die Küchenlithografie.
Eine der bekanntesten Möglichkeiten, eine Radierung ohne chemische Ätzmittel herzustellen, ist die Kaltnadelradierung, französisch pointe sèche. Im Gegensatz zur klassischen Ätzradierung findet dabei keine chemische Reaktion statt. Das Motiv wird stattdessen direkt in die Druckplatte geritzt.
Mit einer harten, spitzen Nadel oder einem speziellen Radierwerkzeug werden die Linien in eine Metall- oder Kunststoffplatte eingeritzt. Dabei entstehen feine Grate entlang der Linien. Diese Grate nehmen beim Einfärben zusätzliche Farbe auf und verleihen dem späteren Druck seine typische, weiche und fast samtige Linienwirkung.
Ist das Motiv fertig, wird die Platte eingefärbt. Die Druckfarbe gelangt dabei in die eingeritzten Linien und wird anschließend von der glatten Oberfläche wieder entfernt. Zurück bleibt die Farbe vor allem in den Vertiefungen und an den feinen Graten.
Zum Drucken wird die Platte gemeinsam mit angefeuchtetem Papier durch eine Druckpresse geführt. Der Druck überträgt die Farbe auf das Papier und macht die eingeritzten Linien sichtbar.
Die Kaltnadelradierung ist eine sehr direkte und intuitive Technik. Du zeichnest praktisch direkt in die Druckplatte und kannst dadurch sehr frei und spontan arbeiten. Gerade für erste Erfahrungen mit dem Tiefdruck eignet sie sich deshalb besonders gut.
Noch einfacher und besonders kostengünstig ist der Tetrapak-Druck, auch Milchtüten-Druck genannt. Dabei wird die aluminium-beschichtete Innenseite eines Getränkekartons als Druckplatte verwendet.
Die Technik ist nicht nur günstig und nachhaltig, sondern eignet sich auch hervorragend für das Arbeiten zu Hause oder mit Kindern. Im Vergleich zur Kaltnadelradierung muss beim Einritzen außerdem deutlich weniger Kraft aufgewendet werden.
Für die Druckplatte wird zunächst eine leere Getränkekartonverpackung gründlich ausgespült und getrocknet. Anschließend schneidest du ein Stück Karton in der gewünschten Größe aus. Auf die aluminium-beschichtete Innenseite wird nun das Motiv übertragen und mit einer Radiernadel eingeritzt. Dabei solltest du ausreichend Druck ausüben, damit klare und gut sichtbare Rillen entstehen.
Wie bei vielen Drucktechniken wird das Motiv später spiegelverkehrt auf dem Papier erscheinen. Bei einer Zeichnung ist das meist kein Problem. Wenn dein Motiv jedoch Schrift enthält, muss diese vor dem Einritzen spiegelverkehrt angelegt werden.
Zum Einfärben wird die Druckfarbe mit einem Pinsel auf der Platte verteilt. Dabei sollte die Farbe gut in die eingeritzten Linien gelangen. Anschließend wird die überschüssige Farbe vorsichtig mit Küchenpapier von der glatten Oberfläche entfernt.
Nun wird die eingefärbte Platte mit der Farbseite nach unten auf das Papier gelegt. Mit gleichmäßigem Druck wird das Motiv auf das Papier übertragen. Das funktioniert grundsätzlich auch von Hand, beispielsweise indem du mit einem Holzlöffel oder einer Walze über die Rückseite des Papiers reibst.
Noch gleichmäßigere Ergebnisse lassen sich mit einer Druckpresse erzielen. Wenn keine Presse vorhanden ist, kann auch eine einfache Nudelmaschine aus der Küche als Alternative dienen.
Für besonders schöne Ergebnisse eignet sich etwas stärkeres Papier, beispielsweise Kupferdruckpapier, Aquarellpapier oder Büttenpapier.
Die Küchenlithografie ist ein weiteres spannendes Verfahren, das mit überraschend einfachen Materialien funktioniert. Streng genommen handelt es sich dabei nicht um ein Tiefdruckverfahren, sondern um eine Form des Flachdrucks und damit um eine Variante der Lithografie.
Das Prinzip dahinter ist einfach: Fett und Wasser stoßen sich ab. Genau diese Eigenschaft wird genutzt, um ein Druckbild zu erzeugen. Statt spezieller Lithografiechemikalien kommen dabei alltägliche Materialien wie Cola oder Essig zum Einsatz.
Zunächst wird eine stabile, glatte Trägerplatte, beispielsweise aus Plexiglas oder Kunststoff, mit Aluminiumfolie bespannt. Die matte Seite der Folie sollte dabei nach außen zeigen, denn auf dieser Seite wird gearbeitet.
Nun wird das Motiv mit einem fettigen Zeichenmaterial auf die Folie gezeichnet. Dafür eignen sich beispielsweise Wachsmalstifte, Ölkreiden oder Permanentmarker. Auch Fingerabdrücke können interessante Strukturen erzeugen. Wie beim Tetrapak-Druck wird das Motiv später spiegelverkehrt gedruckt.
Nach dem Zeichnen wird die Aluminiumfolie kurz in ein Bad aus Cola oder Essig gelegt. Die enthaltene Säure reagiert leicht mit der Aluminiumoberfläche. Anschließend wird die Folie mit Wasser abgespült.
Vor dem Einfärben wird die Platte leicht angefeuchtet. Das Wasser bleibt hauptsächlich auf den nicht gezeichneten Bereichen zurück. Die fettigen Stellen verhalten sich dagegen anders und können die Druckfarbe aufnehmen.
Nun wird die Druckfarbe mit einer Walze aufgetragen. Durch das Zusammenspiel von Wasser und Fett haftet die Farbe vor allem an den gezeichneten Bereichen. Anschließend kann das Motiv mit einer Druckpresse auf Papier übertragen werden. Auch hier lässt sich alternativ eine Nudelmaschine verwenden.
Die Welt der Druckgrafik ist vielseitig und muss nicht kompliziert oder aufwendig sein. Gerade die hier vorgestellten Techniken zeigen, dass sich auch mit einfachen Mitteln interessante und individuelle Drucke herstellen lassen.
Die Kaltnadelradierung bietet dabei einen direkten Zugang zum klassischen Tiefdruck, während der Tetrapak-Druck besonders unkompliziert und kostengünstig ist. Die Küchenlithografie wiederum zeigt, wie sich mit einfachen Materialien grundlegende Prinzipien der Lithografie ausprobieren lassen.
Ob im eigenen kleinen Atelier, am Küchentisch oder gemeinsam mit Kindern: Druckgrafik lässt sich auch zu Hause entdecken. Manchmal braucht es dafür nicht mehr als eine alte Getränkekartusche, etwas Druckfarbe und ein wenig Experimentierfreude.
Nein, für den Anfang nicht. Bei der Kaltnadelradierung und beim Tetrapak-Druck kannst du bereits mit einem Holzlöffel und ausreichend Druck von Hand schöne Abzüge herstellen. Wenn du präzisere und gleichmäßigere Drucke machen oder regelmäßig drucken möchtest, ist eine Radierpresse mit Walzen jedoch die sinnvollere Lösung.
Auf jeden Fall. Die Kaltnadelradierung ist eine eigenständige, jahrhundertealte Tiefdrucktechnik, die auch von Künstlern wie Rembrandt verwendet wurde. Sie erzeugt eine charakteristisch weiche und samtige Linie, die sich deutlich von einer mit Säure geätzten Linie unterscheidet. Chemiefrei bedeutet hier also nicht weniger, sondern einfach anders und zugänglicher.
Ja. Besonders der Tetrapak-Druck und die Küchenlithografie eignen sich gut für Kinder und Erwachsene. Die Materialien sind günstig und unkompliziert. Beim Arbeiten mit einer scharfen Radiernadel sollte allerdings immer auf eine sichere Handhabung und entsprechende Aufsicht geachtet werden.
Am besten eignet sich stabiles, glattes bis leicht strukturiertes Druckpapier. Für den Tiefdruck kann das Papier leicht angefeuchtet werden. Dadurch kann es sich besser in die Vertiefungen der Druckplatte legen und die Druckfarbe gleichmäßiger aufnehmen.
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